Puppensound

•19. Juli 2009 • 1 Kommentar

Hallo liebe MusikfreundInnen,

endlich gibt es mal wieder einen Grund dafür, einen soliden Beitrag zu schreiben, denn am kommenden Mittwoch, denn 22. Juli, wird eine ganz großartige und aus musikhistorischer Sicht einmalige Kapelle die beschauliche Batschkapp in Eschersheim beehren und dort ein Gastspiel geben. Meines Wissens sogar ihr allererstes in Frankfurt am Main.

Nun, ich möchte niemanden noch länger auf die Folter spannen und rücke einfach mal damit heraus, es handelt sich bei dem Orchester, um die großartigen New York Dolls, aus wie anders zu erwarten – New York.
Hä, wer? Kenne ich gar nicht? höre ich einige von Euch, meinen lieben und treuen LeserInnen aufstöhnen. Ja dem kann abgeholfen werden. Einfach die folgenden Zeilen aufnehmen, dann seid Ihr umfassend informiert. Aber Vorsicht, denn was folgt wirkt appetitanregend und konsumfördernd. Wenn Ihr auf einmal spontan Lust auf die Band verspürt und ganz genauso spontan ne Karte kauft, dann macht mich nicht dafür verantwortlich.

New York Dolls

New York Dolls © cc

Um die ganze Bedeutung und Tragweite der Gruppe zu erfassen, muss man weit zurück in die Vergangenheit. Genauer gesagt bis in die frühen Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Sixties mit ihren musikalischen Neuerungen waren gerade vorbei und die Zeitläufte hatten ein paar musikalisch öde und bedeutungslose Jahre vor sich, in denen mangels etwas anderem, bedeutungsvolleren vor allem eine Geschmacksverirrung Namens Disko am Toben war.

Die Jüngeren unter Euch, das sind die allermeisten, werden Disko nur noch mit John Travolta in Verbindung bringen. Bevor Tarantino ihn wiederentdeckte und zum sympathischen Killer in „Pulp Fiction“ machte, war er der Öffentlichkeit als weissanzugtragender Tanzgockel in „Nur Samstag Nachts“ bekannt. Ja und die Verrenkungen, die er zu bescheidenen musikalischen Klängen in diesem Film vollführte, das war Disko.

Im magischen Jahr 1971 nun entschließt sich ein junger Tunichtgut Namens David Johannson, geprägt noch von den wilden Sechzigern und
besonders von den Rolling Stones, es auch einmal als richtiger Musiker zu versuchen und will eine Band gründen, mit der er selbst in den Rock und Roll Olymp aufsteigen kann. Nicht umsonst ist der junge David Stones Fan und mit ein wenig Nachhilfe und guten Willen kann man getrost sagen, dass er doch ein bisschen aussieht wie der Herr Jagger als dieser selbst jung war.

Da trifft es sich, dass ihm bei seinen Anwerbeversuchen von Mitmusikern ein junger aus Florida stammender Sohn italienischer Einwanderer über den Weg läuft, der in Keith Richards sein absolutes Vorbild in musikalischem sowie bekleidungs- und drogentechnischen Konsumverhalten gefunden hat. Er wählt nach Eintritt in die Band den einprägsamen Künstlernamen „Johnny Thunders“.

Das magische Zweiergespann ohne das eine Band nicht auskommt ist gefunden. Zusammen mit dem Schlagzeuger Jerry Nolan (Freund des Gitarristen), dem Bassisten Arthur „Killer“ Kane und dem aus dem nahen Osten stammenden Gitarristen Sylvain Sylvain machen sie sich auf um die Welt zu erobern. Kleiner Einschub für Kenner an dieser Stelle: Wer jetzt nach der Vorstellung der Bandmitglieder meint, dass ich zwei Musiker aus der ganz frühen Phase einfach schnöde übergangen habe, der hat recht. Allerdings sind die Beiden für die Band eher bedeutungslos und streng genommen nur Platzhalter der eigentlichen Musiker, mit denen die Dolls bekannt geworden sind. Kurz und gut, Schlagzeug und zweite Gitarre waren für kurze Zeit in anderen Händen, die dann die Band aus musikalischen und persönlichen Differenzen verließen und auf und davon sind.

Alles was wichtig ist um beim musikalischen Fachgespräch zu glänzen ist hier aber erwähnt. Ich fahre fort in meinen Ausführungen.

Zu den Stones kamen noch weitere Einflüsse in musikalischer Hinsicht. Die Stooges mit ihrer extravaganten Bühnenshow und MC 5 aus Detroit, die in den späten Sechzigern das junge Amerika gerne in eine Revolution gesteuert hätten (haben se aber nicht). In musikalischer Hinsicht vermixten die Dolls das alles zu einem eigenen wilden Soundpotpourri.

Auch In darstellender Hinsicht überzeichneten sie das von den Stones geprägte Rock`n Roll Outfit. Ganz bewusst übersteuerten sie so stark, dass sie aufdringlichst bis weibisch rüberkamen. Siebziger High Heels, Bühenoutfits in rosa, lila, Catsuits aus Gold- und Silberlamee, dickes flittchenhaftes Make up mit ganz viel Kajalstift und aufgetürmte Bienenkorbfrisuren ließen die Dolls in den Augen der breiteren Öffentlichkeit wie Prostituierte vom Times Square wirken.
Fazit: Glam rock war geboren.

Obwohl die Dolls viel Medienaufmerksamkeit bekamen, auch und gerade weil sie ein optisch so androgynes Image pflegten, sodass sich die bürgerliche Klatschpresse, genau wie die progressive Musikpresse an ihnen abarbeiten konnte und sie, nachdem sie eine Weile New Yorks heißestes Ding waren, einen ordentlichen Plattenvertrag bei Mercury Records ergatterten, blieb der kommerzielle Durchbruch aus. Zwei Alben nur haben sie abgeliefert und sind trotz des überschaubaren Outputs wegweisende Wesen im Rockundroll Olymp geworden. Nach „Too Much Too Soon“, wurden die Drogenprobleme bei Thunders und Nolan so schlimm, dass es zum Bruch mit den Anderen kam und sie die Dolls verließen.

Abgesehen davon war Glamrock dabei sich zu überleben, denn mit Punkrock stand bereits eine spätere Generation am Start, die die Welt aus den Angeln heben würde. Zwar beriefen sich die Protagonisten der aufkommenden Punkszene schon früh auf die provozierenden und exzessiven
Bühnenschows der Dolls, trotzdem war ihre Zeit vorbei und das ahnten Musiker, Plattenfirma und Management. Interessanterweise hat gerade die unzuverlässige Heroinfraktion der Band den Anschluss an die neue Welle gefunden und die Heartbreakers gegründet, eine wichtige, wenn auch kurzlebige New Yorker Punkband, die ähnlich wie die Ramones für Ostküstenpunkrock standen.

In den Achzigern starteten die Anderen dann bescheiden verlaufende Solokarrieren. Insgesamt sind David Johansson, der eine Schauspiel und Gesangskarriere startete und Johnny Thunders die erfolgreichsten der Dolls geblieben. Von den anderen hat man nicht wirklich etwas gehört. Vor ca. fünf Jahren hat es eine Wiedervereinigung auf Betreiben des britischen Sangeskünstlers Morrissey hin gegeben. Die überlebenden Reste der Band traten in der Londoner Royal Albert Hall auf und haben Blut geleckt. Seitdem gibt es die Dolls wieder, inzwischen sind zwei weitere Alben erschienen, die
allerdings etwas vom latenten Wahn der ersten beiden vermissen lassen, aber wir sollten konstatieren, dass die Musiker Band nun auch um die sechzig Jahre alt sind und den Ruhm und die allseitige Verehrung, die ihnen in all den Jahren hinterher getragen wurde nun noch einmal zu Geld machen möchten. Im bescheiden Rahmen jedenfalls.

Ja nun, viele Originalmitglieder sind nicht mehr dabei. Thunders und Nolan haben bereits Anfang der Neunziger kurz hintereinander ihre Leben an Mr. Brownstone verloren. In beiden Fällen die klassische Überdosis. Bassist Arthur Kane war beim Reunionkonzi in der Albert Hall noch dabei, kurz danach ist er an Leukämie verschieden.

New York Dolls Konzert 2006

New York Dolls Konzert 2006 © cc-by-2.0 / Jay Rusnock

So können wir am nächsten Mittwoch lediglich Johansson und Sylvain als Originaldolls bewundern.
Aber nichtsdestotrotz, was wir dort sehen werden wirkt vielversprechend. Glamrock ist still alive und ich habe die leise Vorahnung, dass die Dolls inzwischen besser sind denn je. Erfahrungsgemäß werden Rockbands im Alter einfach besser. Die Sex Pistols zum Beispiel gefallen mir auch erst jetzt so richtig, wenn sie mit Mitte Fünfzig und in Designerklamotten Anarchy für das Vereinigte Königreich fordern und dafür von konservativen Hardlinern unter Politikern ein Shake Hands bekommen.

Und sechzigjährige in High Heels und rosa Rüschenhemden, sind das, was ich mir unter „das Alter leben“ vorstelle.
Ich jedenfalls werde am Mittwoch kreischend in der ersten Reihe stehen und hoffe beim Anblick der Herren nicht gänzlich die Besinnung zu verlieren und wer klug ist, der tut es mir nach.

Hier übrigens noch zwei Links für die Optik und Akustik.  Das erste Video ist aus den Siebzigern, das zweite von letztlich.

Advertisements